Diese Reise führt mich nach Finnisch-Lappland, 250 km nördlich des Polarkreises liegt der Ort Saariselkä am Rande des Urho Kekkonen Nationalparks.
Endlich mal einen richtigen Winter erleben, schon Wochen vorher checke ich täglich mein Ziel in der Wetterapp und beobachte fasziniert die kleinen Schneeflocken, die regelmäßig auf dem Display meines Handys erscheinen – sowie die immer größer werdende Zahl, die sich da hinter dem Minuszeichen bezüglich der Temperatur aufbaut.
So weit im Norden war ich noch nie und so recherchiere ich in den Wochen vor meiner Reise nicht nur, was mich dort in Lappland erwartet, sondern hole mir vor allem Tipps zur richtigen Kleidung, Hautpflege und dem besten Kamera-Equipment. Die Zeit der Vorfreude auf diese Reise ist schon so großartig, dass die eigentliche Urlaubszeit gefühlt um einiges länger als tatsächlich ist.
Als ich nach insgesamt knapp 5 Stunden in Ivalo, dem nördlichsten Flughafen Finnlands lande, läuft tatsächlich erstmal etwas anders als ich es mir vorgestellt hatte, denn ich bin zwar hier, mein Gepäck jedoch nicht.
Wie mir geht es noch mehreren anderen Mitreisenden und obwohl der Flughafen schon wirkt als sei er im Feierabend, gibt es noch zwei freundliche Mitarbeiterinnen der Airline, die Notfallpacks an die Gestrandeten ohne Gepäck verteilen. (Hier meine Frage, da mir das – zum Glück – nie zuvor passierte: gibt es solche Notfallpacks bei jeder Airline? ) Auch die Busfahrer, die für unseren Transfer sorgen sollten, warten geduldig bis jede einzelne Vermisstenanzeige aufgegeben und Notfallausrüstung ausgeteilt ist.
Und dann geht es los. Es ist zwar schon dunkel, doch nicht stockfinster, der Schnee reflektiert jedes Fitzelchen Licht und so kommt es, dass schon der Transfer zum Hotel zur Fahrt durch eine tiefverschneite Zauberwelt wird.

Im Hotel angekommen, begrüßt uns Janne an der Rezeption. In perfektem Englisch – shame on me – mein Finnisch ist mehr als dürftig, aber ich gelobe Besserung! – erklärt sie uns, dass dieses „Kofferproblem“ in dieser Woche schon häufiger vorgekommen sei und sie würde sich keine allzu großen Sorgen machen, das würde sich sicher schnell regeln. Außerdem sei das Restaurant gerade noch geöffnet, ob nicht etwas Warmes zu essen jetzt gut täte? Und Recht hat sie – Steckrüben und Kartoffeln aus dem Ofen hinterlassen ein warm-wohliges Gefühl im Bauch und wärmen auch noch nachdem ich alles, was ich bei mir habe, anziehe und mich nochmal nach draußen zu einer ersten Erkundungstour durch meinen Urlaubsort mache.
Ich habe mir vor der Reise viele Gedanken darum gemacht, wie sich wohl so eine „richtige Kälte“ anfühlt. Minus zwanzig Grad habe ich noch nicht oft erlebt und ich war gespannt, was das mit mir machen würde.
Und was soll ich sagen? Diese trockene Kälte (wohlgemerkt: in guter Kleidung, warmen Schuhen und einer Creme, die vor Erfrierungen im Gesicht schützt) trifft mich in positivem Sinne. Sie macht den Kopf klar. Überflüssige und miese Gedanken scheinen frostanfälliger als Freude, Elan und Optimismus. Und das verheißt Gutes für die nächsten Tage.
Den Schwung nehme ich gleich mit in die nächste Karaokebar. Eine kleine Bühne mit Bildschirm für den Text an der Seite, ein großer Bildschirm gegenüber des Tresens, – auch hier die Texte zum Mitlesen. An jedem Tisch ein DIN A4 Hefter mit verfügbaren Songtiteln – es sind geschätzte 500, 450 davon offenbar finnische Klassiker oder Klassiker auf Finnisch. Ich bin mir nicht sicher.
Am Tisch in der Nähe der Bühne sitzt ein Mittvierziger mit zwei um enige Jahre jüngeren Frauen. In regelmäßigen Abständen geht er – ohne eine Miene zu verziehen – zur Bühne, schnappt sich das Mikro, starrt auf den kleinen Bildschirm mit Text, singt sein Lied (wohlgemerkt ohne auch nur einen Blick auf sein potentielles Publikum, das in der Bar sitzt, zu werfen) und geht wieder ab. Natürlich unter Beifall der beiden Damen, an deren Tisch er zurückkehrt. Das wiederholt sich mindestens 5 Mal – nach seinem fünften Auftritt hat mich die Müdigkeit übermannt und ich gehe zurück ins Hotel. Dem Gold Lapplands – Lapin Kulta – sei Dank!

Aber eins, eins muss ich Euch noch erzählen: neben der Eingangstür in der Bar ist an der Wand ein kleines Regal angebracht, auf dem ein Fön liegt. Ich habe das nicht wirklich verstanden – erst als ich mehrere Brillenträger hereinkommen sah, war es mir klar: mit dem Föhn trocknet und wärmt man sich die Brille, so dass sie nicht beschlägt. Eine Kleinigkeit. Ich find die toll.