Stine Pilgaard, Meter pro Sekunde

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Stine Pilgaard, Meter pro Sekunde

Kanon Verlag, 2022

ISBN 978-3-98568-011-5

„Mit dem Alter weint man weniger, aber das ist nicht nur gut so. Eines Tages werdet ihr eure Tränen vermissen.“

Stine Pilgaard, Meter pro Sekunde

Um es gleich vorwegzunehmen – ich liebe dieses Buch. Ich habe es verschlungen. Die besonders guten Stellen habe ich meinem Mann laut vorgelesen – also so ziemlich das gesamte Buch. Schon lange habe ich mich nicht mehr so gefreut beim Lesen: so viel Lebensweisheit und ein Humor, der genau meinen Geschmack trifft.

Urdänische Institution und der Kummerkasten

Aber von vorne. Die Ich-Erzählerin zieht mit ihrem (noch) namenlosen Sohn und Freund, der Lehrer an einer Folkehøjskole ist, nach Westjütland. Sie hat Probleme, sich in das für das dänische Selbstverständnis so wichtige Universum der Folkehøjskole einzuleben, in dem nicht nur von den Lehrern, sondern eben auch von der gesamten Familie voller Einsatz erwartet wird. Die Schulleiterin verpasst ihr einen Job, da nicht arbeitende Frauen nicht ins Bild passen und so wird die Ich-Erzählerin die Kummerkasten-Tante der lokalen Zeitung.  Leserbriefe, die sie erreichen, handeln von Teenagerproblemen bis zu der Bitte um Ratschläge in Beziehungsfragen, bei Konflikten innerhalb der Familie oder bei der Partnerwahl. Scharfzüngig, voller Selbstironie und mit kalter Feder zaubert sie Kummerkasten-Antworten, die es in sich haben.

Vergiss die Hochzeit, bedenke die Scheidung

„Beobachte das Verhalten von deinem Date gegenüber den Angehörigen der Dienstleistungsbranche. Darin liegt der Schlüssel zu seiner wirklichen Natur. Damit beginnt und endet alles“, rät sie einer Schreiberin, die Rat ob ihrer neuen Bekanntschaft sucht und einem mit der eigenen Verwandtschaft Hadernden schreibt sie: „Wir werden in eine Erzählung hineingeboren, wir haben nicht darum gebeten, Teil davon zu sein, unser Leben ist eine knallharte Entscheidung, die ohne uns getroffen wurde. Blutsbande sind keine rote Seidenschleife, sondern ein abgenutztes Springseil, eine Nabelschnur, mit der wir an Händen und Füßen gefesselt sind.“  Auf Kritik an ihrer Arbeit und vor allem ihrer Einstellung („arrogant“) reagiert sie selbstbewusst „Deine Sicht der Dinge ist also angekommen, aber dein Ton passt mir nicht.“

Es steckt so viel Lebensweisheit in den Antworten der Kummerkasten-Ich-Erzählerin, es ist einfach fantastisch.

Du denkst in Prosa

Aber vor allem auch die Geschichte ihres neuen Lebens in Westjütland ist es, die dieses Buch so besonders macht. Die Ich-Erzählerin berichtet von ihren Anpassungsschwierigkeiten im „Land der kurzen Sätze“ – die Einsilbigkeit der meisten Einwohner in dieser kargen Region Westjütlands macht ihr zu schaffen. Dass ihr Sohn zeitweise nichts anderes von sich gibt als „Muh“ lässt sie daran zweifeln, dass er je etwas anderes sagen wird als dieses eine Wort. Und vielleicht, so glaubt sie, ist er ihr nur einfach um einiges voraus und hat sich schon der hier praktizierten Kommunikationsart angepasst. „Du denkst in Prosa“, sagt ihr Freund, „die Leute hier fassen sich aber kurz.“

Immer man statt du

Und auch Anders, der ihr sowas wie Nachhilfeunterricht in Sachen westjütischer Kommunikation gibt, trainiert mit der Romanheldin ein langsames Gesprächstempo. Niemals direkt ansehen und immer „man statt du“ postuliert er, „situationsbezogen statt personenbezogen“ und außerdem „Einfach ruhig Blut bewahren, sagt Andres Agger, wenn du lange genug nichts sagst, machen sie irgendwann den Mund auf“.

Doch genau das fällt unserer Ich-Erzählerin schwer – fast so schwer wie das Autofahren. Die Anzahl ihrer Fahrstunden nähert sich langsam dem dreistelligen Bereich und Schüler ihres Freundes schließen Wetten auf ihre Fahrkünste ab. Der Berufsverkehr in Herning, dem „Las Vegas von Jütland“, bringt sie an den Rand und es braucht einige Fahrlehrer bis zur ersehnten Prüfung.

All dies erzählt Pilgaard fast schon lakonisch, auf einfache Art ohne viel Ausschmückung. Trocken, würde man hier sagen und setzt damit sprachlich perfekt um, worum es geht.

Wunsch nach mehr

Stine Pilgaards Roman „Meter pro Sekunde“ ist ein großartiges Buch. Der Surfer, Mona und Parkplatzpeter, Maj-Britt und Bent, Krisser und Anders Agge – sie alle sind wie liebgewonnene Bekannte, die ich vermisse, sobald ich das Buch zuklappe. Nicht zuletzt natürlich auch die Ich-Erzählerin und ihre kleine Familie, die einem schon ein wenig ans Herz wachsen. „Meter pro Sekunde“ ist ein Buch für alle, die richtig gute neue Literatur zu schätzen wissen und nicht zuletzt für alle Dänemarkfreunde – vor allem, wenn man gerade selbst an der Westküste Jütlands Urlaub macht. Mir selbst bleibt nun nur noch eines – ein Brief an den Kummerkasten. In der Hoffnung, gelesen zu werden.

Lieber Kummerkasten,

ich fühle mich beglückt und traurig zugleich. Beglückt, weil ich schon lange kein Buch mehr gelesen habe, das mich so entzückt hat und traurig, weil es ausgelesen ist. Ich mag dein Buch so sehr– wann kann ich mehr von dir lesen?

Stine Pilgaard, Meter pro Sekunde

(Kanon Verlag, 2022) ISBN 978-3-98568-011-5


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